Lars Biesewig: Gestrandet im Münsterland


Lars Biese­wig zu Renn­rad­fah­ren in Zen­tral­frank­reich in der Auver­gne und im Müns­ter­land. Ein Inter­view von Gun­ther Biese­wig.

Wenn man Dei­nen Stra­va-Account anschaut, steht bei Dir als Wohn­ort Cler­mont-Fer­rand. Dabei kann man sehen, dass Du seit eini­ger Zeit wie­der hier im Teck­len­bur­ger Land mit dem Renn­rad unter­wegs bist. Wie passt das zusam­men?

Weil mein Opa sei­nen 90. Geburts­tag gefei­ert hat — oder fei­ern woll­te, bin ich nach Ibben­bü­ren gekom­men und kurz danach sind die Aus­gangs­be­schrän­kun­gen in Kraft getre­ten. Und dann habe ich ent­schie­den, hier zu blei­ben und von hier zu arbei­ten. Eigent­lich woh­ne ich in Frank­reich, in Cler­mont-Fer­rand. Nur, dort gibt es zur­zeit eine strik­te Aus­gangs­sper­re. Das bedeu­tet auch, dass man kein Renn­rad fah­ren darf. Um weni­ger von den Ein­schrän­kun­gen betrof­fen zu sein und wei­ter­hin drau­ßen trai­nie­ren zu kön­nen, bin ich jetzt immer noch im Müns­ter­land.

Wahr­schein­lich könn­test du jetzt gar nicht nach Frank­reich fah­ren, oder?

Das ist ein biss­chen unklar, weil ich in Frank­reich arbei­te und evtl. über die Gren­ze gelas­sen wür­de. Es ist aber frag­lich, ob ich in Cler­mont ankom­men wür­de. Vie­le Zug­ver­bin­dun­gen sind ja gestri­chen.

Was machst Du in Cler­mont-Fer­rand, wenn Du nicht Rad fährst?

Letz­tes Jahr habe ich dort ein Pro­mo­ti­ons­stu­di­um im Bereich Umwelt­öko­no­mie ange­fan­gen und ich bin seit­dem an der Uni beschäf­tigt und for­sche in die­sem Bereich.

Bit­te stell Cler­mont-Fer­rand ein­mal kurz vor.

Cler­mont-Fer­rand ist eine Stu­den­ten­stadt. Ein Vier­tel der Ein­woh­ner sind Stu­den­ten. Die Stadt ist das Zen­trum der Auver­gne, die größ­te Stadt mit etwa 140000 Ein­woh­nern. Miche­lin, das Unter­neh­men, hat sei­nen Sitz dort. Aber heu­te wird in Cler­mont nur noch ganz wenig pro­du­ziert. Die Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de sind in der Auver­gne groß, mit rich­ti­gem Som­mer und Win­ter. Aller­dings war der dies­mal so mild, dass wir immer drau­ßen Renn­rad gefah­ren sind.

Du fährst hier manch­mal mit einem Tri­kot, auf dem VCCA steht. Was bedeu­tet das?

Aus­for­mu­liert heißt das Vélo Club Cour­non Auver­gne. Das ist ein Ver­ein in einem Nach­bar­ort von Cler­mont mit – ich wür­de schät­zen – 150 Mit­glie­dern, der aus­schließ­lich Rad­sport betreibt und eben größ­ten­teils ambi­tio­niert, d.h. dass die Mit­glie­der auf Ren­nen hin­trai­nie­ren.

Wel­che Mann­schaf­ten bzw. Grup­pen gibt es in Dei­nem fran­zö­si­schen Ver­ein?

Zunächst gibt es ein „Amateur“-Team, Team Pro Immo Nico­las Roux, das in der höchs­ten fran­zö­si­schen Liga fährt und die­se auch seit eini­gen Jah­ren domi­niert, z.T. mit Ex-Pro­fis. Und dar­un­ter ein Reser­ve­team und wie­der­um Grup­pen, die alle Alters­stu­fen abde­cken, Kin­der, Jugend­li­che, Erwach­se­ne und auch Senio­ren. Die Mehr­heit der Mit­glie­der nimmt in den Som­mer­mo­na­ten an Lizenz­ren­nen in der Regi­on teil.

Wie wird in dem Ver­ein trai­niert? Wel­che Ange­bo­te hat der Ver­ein z.B. für Dich?

Es gibt dort einen fest ange­stell­ten Trai­ner, der das Trai­ning struk­tu­riert und die ver­schie­de­nen Grup­pen koor­di­niert. Er trai­niert auch die Reser­ve des Erst­li­ga­teams. Er ver­sucht für jeden Fah­rer die pas­sen­de Grup­pe zu fin­den und die ambi­tio­nier­ten Fah­rer an hoch­klas­si­gen Rad­sport her­an­zu­füh­ren, mit der Per­spek­ti­ve, für das höchs­te Team zu fah­ren. Er legt auch den Trai­nings­in­halt fest. In jeder Ein­heit gibt es etwas, auf das beson­ders hin­trai­niert wird, Sprint oder Tech­nik­trai­ning. Z.B. haben wir das Krei­seln geübt auf einer gerad­li­ni­gen ver­kehrs­ar­men Stra­ße. Dabei wird an der Spit­ze, im Wind, sehr oft gewech­selt, schon nach weni­gen Sekun­den, man ist also prak­tisch immer in der Bewe­gung. Der, der vorn gefah­ren ist, fährt an die Sei­te und lässt sich zurück­fal­len. Das Tem­po ist dabei sehr hoch, also 40 oder 50 km/h oder auch noch höher. Und das hält man dann über 5 oder 10 Kilo­me­ter durch. Wir haben aber auch Zeit­fah­ren trai­niert, so soll­te ich mal 5 km fah­ren mit einem Schnitt von mini­mal 40 km/h. In den Grup­pen, in denen ich trai­nie­re, macht jeder sei­ne Pla­nung selbst, der Trai­ner gibt aber Tipps. Als die Renn­sai­son begon­nen hat, hat er am Vor­abend des ers­ten Ren­nens noch eine Mail rum­ge­schickt, wo man bei dem Kurs atta­ckie­ren und wel­che Stra­te­gie das Team ver­fol­gen soll­te, wie gut das Ren­nen besetzt ist, ob es sich lohnt aus­zu­rei­ßen. Der Trai­ner kennt die Sze­ne gut und kann dann abschät­zen, wie man solch ein Ren­nen fah­ren soll­te.

Wo wür­dest Du Dich selbst bei den Trai­nings­grup­pen ein­ord­nen?

Also, ich wür­de sagen, dass ich in den ganz nor­ma­len Trai­nings­grup­pen im unte­ren Mit­tel­feld wäre von mei­nem Leis­tungs­stand her.

Wel­che Ver­an­stal­tun­gen wer­den für die Fah­re­rIn­nen ange­bo­ten? Hier kennt man eine RTF oder einen Rad­ma­ra­thon oder etwa den Giro Müns­ter­land.

Ich habe den Ein­druck, dass es im Ver­gleich zum Müns­ter­land sehr vie­le Lizenz­ren­nen gibt in der nähe­ren Umge­bung von Cler­mont. Man kann prak­tisch jedes Wochen­en­de Ren­nen fah­ren. Oft ist es ein Stadt­kurs, der mehr­fach gefah­ren wird. Dane­ben gibt es auch RTFs, aber das habe ich nicht so mit­be­kom­men. Was ich auch inter­es­sant fin­de, es gibt im Bereich der Lizenz­ren­nen eine Serie von Berg­zeit­fah­ren, die „Tro­phée des Grim­peurs“, also jeden Monat fin­den dort Berg­zeit­fah­ren statt.

Bist Du schon mal mit Romain Bar­det zusam­men­ge­trof­fen? Ich dach­te, dass er in Cler­mont-Fer­rand wohnt.

Ich habe ihn das ers­te Mal gese­hen, als er an einem Cross-Ren­nen im Win­ter teil­ge­nom­men hat, und er ist auch das Cross-Ren­nen mei­nes Ver­eins gefah­ren Er hat die­se Cross-Serie in der Auver­gne als Sai­son­vor­be­rei­tung genutzt. Er hat aber, mei­ne ich, kei­nes der Ren­nen gewon­nen, obwohl er sie sehr ernst genom­men hat.

Wel­che aktu­el­len Rad­pro­fis sind aus dem VCCA her­vor­ge­gan­gen? Wel­che Kon­tak­te haben sie zu dem Ver­ein?

Das bekann­tes­te Bei­spiel für solch eine Kar­rie­re, solch einen Auf­stieg aus den ganz nor­ma­len Trai­nings­grup­pen über den Kin­der- und Jugend­be­reich in den Pro­fi­sport ist Rémi Cava­gna. Er fährt aktu­ell für Dece­u­n­inck-Quick-Step. Er ist ein paar Jah­re für das Ama­teur­team des VCCA gefah­ren und dann zu Quick-Step gewech­selt. Letz­tes Jahr hat er bei der Vue­l­ta eine Etap­pe gewon­nen, bei der Spa­ni­en­rund­fahrt. Im letz­ten Jahr hat er an eini­gen Trai­nings­ein­hei­ten teil­ge­nom­men, die­ses Jahr war er bei der Team­prä­sen­ta­ti­on im März und hat dort auch etwas zu sei­nen Ambi­tio­nen erzählt.

Wel­che Rol­le spie­len Spon­so­ren für den VCCA? Dein Tri­kot hat viel Wer­bung.

Spon­so­ren sind sehr wich­tig, weil der Ver­ein neben den Fah­rern Trai­ner beschäf­tigt, dane­ben hat er eine Art Trai­nings­zen­trum, meh­re­re Autos, die bei den Ren­nen genutzt wer­den. Wei­ter­hin hat er Mit­ar­bei­ter, die für die Ver­wal­tung und für die Betreu­ung der Fah­rer zustän­dig sind.

Wodurch unter­schei­det sich die Auver­gne als Ter­rain für Rad­fah­rer vom Teck­len­bur­ger Land?

Der Unter­schied ist schon extrem, das Ter­rain ist deut­lich anspruchs­vol­ler. So kann man dort 30 km nur berg­auf fah­ren. Und wenn man in der Ebe­ne fährt, hat man oft sehr star­ken Wind. Das war am Anfang eine gro­ße Umstel­lung, weil man für die­se Anstie­ge eine gro­ße Aus­dau­er braucht. Die Stra­ßen sind in sehr gutem Zustand, die Abfahr­ten kann man mit hoher Geschwin­dig­keit fah­ren, ohne dass man Angst vor Boden­wel­len oder Schlag­lö­chern haben muss. Die Gegend ist dünn besie­delt, es gibt also nicht so viel Ver­kehr, aber es feh­len die­se klei­nen Wege, wie es sie im Müns­ter­land gibt.

Wie vie­le Höhen­me­ter fahrt ihr so wäh­rend einer Aus­fahrt?

So im Schnitt 1000, aber es kön­nen auch schon mal 2000 sein. Es ist nicht so wie hier im Müns­ter­land, dass man sich die Stre­cke zurecht­le­gen muss, die Höhen­me­ter kom­men ein­fach so zusam­men. Aus mei­nem Fens­ter habe ich einen Blick auf den fast 1500 Meter hohen Puy de Dôme, einen der erlo­sche­nen Vul­ka­ne in der Auver­gne, auf dem es schon Berg­an­künf­te der Tour de Fran­ce gab.

Wie ist die Situa­ti­on für Dei­ne Ver­eins­kol­le­gen in Frank­reich momen­tan?

Sehr schwie­rig, weil sie nur noch zu Hau­se auf dem Home­trai­ner sit­zen oder jog­gen, aber kei­ne Aus­fahr­ten machen kön­nen. Vie­le haben im Win­ter sehr inten­siv trai­niert, um fit für die Renn­sai­son zu sein, und die fällt jetzt – jeden­falls zunächst – bis zum Som­mer aus. Und das ist für vie­le hart.

In wel­cher Spra­che ver­stän­digst Du Dich wäh­rend der Aus­fahr­ten?

Meist auf Fran­zö­sisch, es ist rela­tiv schwie­rig Eng­lisch zu spre­chen, weil vie­le nur Fran­zö­sisch ver­ste­hen. Zwei Jugend­li­che haben mit mir sogar ein biss­chen Deutsch geübt, sie ler­nen es in der Schu­le.

War­um bist Du aktu­ell nicht mehr Mit­glied von Mara­thon Ibben­bü­ren?

Eigent­lich fin­de ich es scha­de, denn ich bin durch Mara­thon zum inten­si­ve­ren Rad­sport gekom­men. In den letz­ten Jah­ren habe ich es aller­dings nur sel­ten zum Trai­ning geschafft und hat­te wäh­rend mei­nes Stu­di­ums in Bonn auch dort einen neu­en Ver­ein.

Und jetzt hast Du eine fran­zö­si­sche Lizenz?

Ja.

Aber noch kein Ren­nen?

Ich bin im Febru­ar gestürzt und dann kamen die ers­ten Ren­nen im März ein­fach noch zu früh, sonst wäre ich da evtl. gestar­tet.